Los Angeles: Engel im Aufwind

Schwer zu sagen, wann Los Angeles sein unattraktives Image abschüttelte, von gross zu grossartig wurde und von eher spiessig zu absolut spannend. Jedenfalls wollen jetzt alle hin: Galerist:innen, Spitzenköch:innen, Start-ups und Unternehmer:innen. Ein Besuch in fünf Etappen.

«Hey Beauty» hat jemand in sonnengelben Lettern an eine Hausfassade am Beach Broadwalk in Venice gesprayt. Venice, ein knapp fünf Kilometer langer Küstenstreifen im Westen von Los Angeles, gilt als die Wiege der modernen Körperkultur. Am Muscle Beach stemmen stiernackige Typen Gewichte, bis ihre sonnen- oder sonnenstudiogebräunten Körper vor Schweiss glänzen. Ein paar Meter weiter liefern sich deutlich coolere Kids einen betont absichtslosen Wettbewerb in der Pipeline des Skateparks.

Venice Beach palm trese
Venice Beach ist gut zum Surfen, Skateboard fahren, Beachvolleyball spielen und um das bunte Treiben zu beobachten. Baden kann man auch.

Doch Venice ist mehr als ein öffentliches Schauspiel. Der Pazifikstrand, an dem sich hohe, schlanke Palmen im Wind biegen, bietet unendliche Weite und ist bei Jogger:innen, Radfahrer:innen, Beachvolleyballspieler:innen, Surfer:innen und Spaziergänger:innen gleichermassen beliebt.

Als urbane Schlagader gilt der Abbot Kinney Boulevard mit hippen Läden wie Le Labo (Parfum-Laboratorium), Burro (Kunstbücher, Handtaschen, Duftkerzen) und Jacques Marie Mage (Sonnenbrillen). Die Menschen, die im Felix Trattoria Zitronen-Linguine essen oder mit einem Gurke-Minze-Saft unter pinkleuchtenden Bougainvilleas vor dem Kult-Take-away Gjelina sitzen, sehen aus, als wären sie für eine Lifestyle-Show in Hollywood gecastet worden: jung, cool und glücklich.

Die Kunstszene boomt

Mit den New Yorker Museen und Kunstgalerien kann LA bislang nicht mithalten, doch schon allein im noch jungen Arts District mit Galerien, Murals und kunstaffinen Shops zeigt sich, wohin die Reise geht. «Los Angeles entwickelt sich zum Epizentrum der Kunstszene», glaubt Michael Govan, Direktor des Los Angeles County Museum of Art (LACMA). «Immer mehr Künstler kommen in die Stadt. Wir geben ihnen einen Ort, an dem sie ihre Werke zeigen können.»

«Los Angeles entwickelt sich zum Epizentrum der Kunstszene.»

Michael Govan
Direktor of the Los Angeles County Museum of Art
Im Arts District bedecken Murals fast jede Hausfassade. Manche bleiben jahrelang erhalten, andere verändern sich über Nacht.
Im Arts District bedecken Murals fast jede Hausfassade. Manche bleiben jahrelang erhalten, andere verändern sich über Nacht.

Erst im April dieses Jahres wurde ein weiterer solcher Ort eröffnet: der amöbenförmige, schwebende Betonbau der David Geffen Galleries, entworfen vom Schweizer Stararchitekten Peter Zumthor. Er steht neben den ebenfalls zum LACMA gehörenden und von Renzo Piano gestalteten Broad Contemporary Art Museum und überspannt den Wilshire Boulevard wie eine gigantische begehbare Skulptur.

Noch in diesem Jahr werden zwei weitere Kunst-Highlights für Aufmerksamkeit sorgen: Mit Dataland entsteht das weltweit erste Museum, das ausschliesslich der Kunst durch Künstliche Intelligenz (KI) gewidmet ist, (Eröffnung: 20. Juni), während sich das von Star-Wars-Schöpfer George Lucas gegründete Lucas Museum of Narrative Art der visuellen Erzählkunst – von Malerei und Comics bis hin zu Filmkunst und Fotografie – widmet (Eröffnung: 22. September). New York muss sich also warm anziehen.

Das Kunstwerk „Urban Light” von Chris Burden befindet sich direkt vor den neuen David Geffen Galleries at LACMA.
Das Kunstwerk "Urban Light” von Chris Burden befindet sich direkt vor den neuen David Geffen Galleries at LACMA.

Downtown Los Angeles

Berühmt ist der New Yorker Broadway, doch auch Los Angeles hat einen «breiten Weg», der sich nicht verstecken muss. Der Broadway führt einmal quer durch DTLA (Downtown Los Angeles), einen früher vernachlässigten, jetzt sehr angesagten Stadtteil mit imposanten Art-déco-Gebäuden und historischen Filmpalästen.

Der kürzlich verstorbene Stararchitekt Frank O. Gehry erkannte früh den Wert des Viertels. Offenbar brauchte es einen gebürtigen Kanadier, um zu verstehen, dass Los Angeles entgegen der weitläufigen Meinung sehr wohl über ein richtiges Stadtzentrum verfügt. Jedenfalls wollte er die von ihm entworfene Walt Disney Concert Hall im Wohnzimmer der Stadt, also in Downtown, errichten. Seit 2003 steht das Musikhaus wie eine silbern schimmernde Riesenskulptur an der Grand Avenue. Es sollte allerdings noch einige Jahre dauern, bis sich Konzertbesucher trauten, zu Fuss bis hierhin vorzudringen.

Heute ist das kein Thema mehr. Selbst Touristen flanieren entspannt von der Musikhalle bis zum grossartigen Grand Central Market mit seinen diversen Restaurants und Essständen, und weiter zum direkt gegenüber gelegenen Bradbury Building, das 1893 errichtet wurde und aus Filmen wie Blade Runner bekannt ist. Trendige Angelenos haben sich in den renovierten alten Gebäuden mit den weitläufigen Wohnungen eingemietet – als diese noch zu haben und zu bezahlen waren. Inzwischen kostet ein 200 Quadratmeter grosses Loft im türkisfarbenen Eastern Columbia Building am Broadway über 15 000 Dollar Miete im Monat. Dafür ist man vielleicht Nachmieter von Johnny Depp.

Foodies-Paradies

Los Angeles präsentiert sich als gigantischer kulinarischer Schmelztiegel und bietet eine Gastro-Szene, die ihresgleichen sucht. Kein Wunder, denn hier werden Kulturen und Kochtechniken aus aller Welt mit den wunderbaren kalifornischen Produkten kombiniert.

Pine & Crane: Lässig gestaltetes Lokal mit unverputzten Ziegelwänden, Betonböden und lackierten Holztischen. Aus der Küche kommen Mapo Tofu, Daikon-Teigtaschen und Lotuswurzelsalat sowie taiwanesische Spezialitäten wie das Jidori-Hähnchen – ein köstliches Schmorgericht, das zu gleichen Teilen mit Sojasauce, Sesamöl und Reiswein eingekocht und mit gehackten Frühlingszwiebeln serviert wird. 

Sushi Samba: Das Londoner Trendlokal ist in West Hollywood gelandet. Es punktet mit einer Mischung aus japanischen, brasilianischen und peruanischen Aromen – Sashimi und Sushi, Ceviche und peruanische Tiraditos, aber auch schwarzer Kabeljau und japanisches Wagyu, die beide auf heissen Steinen zubereitet werden. Dazu gibt es Live-Unterhaltung mit Samba-Tänzern, Trommlern und DJs. 

Der Ultimate Sashimi Platter im Sushi Samba ist natürlich zum Teilen gedacht
Der Ultimate Sashimi Platter im Sushi Samba ist natürlich zum Teilen gedacht

Dear John’s: Schon Frank Sinatra war in diesem 1962 eröffneten Steakhouse Stammgast. Das Restaurant befindet sich in Culver City und hat den Charme eines gemütlichen Club-Lokals aus der Rat-Pack-Ära bewahrt. Die Köche Hans Röckenwagner und Josiah Citrin haben die Speisekarte mit neuen Gerichten modernisiert und Klassikern wie dem am Tisch zubereiteten Caesar-Salat einen neuen Touch beschert. 

Den bunten Salat in Dear John's schafft man dagegen auch alleine
Den bunten Salat in Dear John's schafft man dagegen auch alleine.

Sonoratown: Teodoro Diaz-Rodriguez Jr. und Jennifer Feltham bereiten ihre Tortillas aus Mehl aus dem mexikanischen Bundesstaat Sonora her. Sie sind geschmeidig und trotzdem bissfest und so lecker, dass man sie auch pur geniessen kann. Am besten schmecken sie als Costilla-Tacos mit Steak und Chorizo. Dazu gibt es köstliche Horchata (ein Reisgetränk) und Agua Fresca (einen Fruchtsaft). 

Manuela: Das luftige, grossräumige Lokal mit Hofterrasse gehört zum Imperium der Schweizer Galerie Hauser & Wirth und befindet sich in deren Kunstkomplex im Arts District in DTLA. Geboten wird eine von den Südstaaten inspirierte Farm-to-Table-Küche mit Leckerbissen wie Cream Biscuits (warme, blättrige Biskuits mit Landschinken und geschlagener Butter) und Wildfleisch-Burger. 

Die beliebtesten Tische im Manuela sind die im begrünten Innenhof
Die beliebtesten Tische im Manuela sind die im begrünten Innenhof.

Aktuelles: Fussball und mehr

 

L.A. seinen Status als globale Hauptstadt des Sports mit einigen weltweit verfolgten Veranstaltungen. Schon vorbei ist das NBA All-Star Game, das nach über vierzig Jahren zum ersten Mal nach Inglewood zurückgekehrt ist.

 

Als nächstes Highlight stehen die U.S. Women’s Open Golf Championship (2. bis 7. Juni 2026) auf dem Programm. Das prestigeträchtige Turnier wird vom Riviera Country Club in Pacific Palisades ausgerichtet, der zeitgleich sein hundertjähriges Jubiläum feiert. Der Golfplatz gilt als eine der grössten Herausforderungen im Golfsport und wird zudem 2028 bei den Olympischen und Paralympischen Spielen zum Einsatz kommen.

 

Und schliesslich steht das grosse Fussballturnier vom 11. Juni bis 19. Juli 2026 bevor. Los Angeles gehört zu den Austragungsorten: Insgesamt acht Spiele finden im SoFi Stadium statt, darunter das Eröffnungsspiel der US-Nationalmannschaft am 12. Juni. Mit Spannung erwartet wird das Spiel der Schweizer Mannschaft gegen Bosnien-Herzegowina am 18. Juni. Ebenfalls im SoFi Stadium werden vier Gruppenspiele, zwei K.O.-Spiele und ein Viertelfinale ausgetragen. 

Text: Patricia Engelhorn
Bilder: 

 

Veröffentlicht am 21. May 2026